Liebe virtuelle Weggefährten,
Kennen Sie das: Am frühen Morgen auf einer Autobahnraststätte aus unruhigem Schlaf zu erwachen, nicht zu wissen, ob Sie von der harten Autoscheibe, dem schmerzenden Nacken, dem staubtrockenen Hals und dem knurrenden Magen geweckt wurden oder nicht doch von den klaren heißen Strahlen der frühmorgentlichen Sonne und dem atemberaubenden Panorama, das sich vor Ihren noch schlafverklebten Augen ausbreitet? Das Gefühl, das sich dann einstellt, ist ganz ähnlich dem, das uns im Rückblick auf die seit unserer letzten Nachricht vergangenen Tage umfängt. Nämlich nicht auf eine Reise gegangen zu sein, sondern von den Umständen unseres Daseins auf der Straße in immer neue und unabsehbare Abenteuer gestürzt zu werden, die allabendlich eingerahmt werden von dem, weswegen unsere Reise zuerst begann, der Musik. Lesen Sie Kerouac, wir tun es auch! Zunächst lesen Sie aber diesen unseren zweiten Reisebericht von märchenhaften Seen, weltbewegenden Stürmen, gesundem Frühstück, schlechtem Kaffee, exotischen Vögeln, euphorischen Menschen, garstigen Parkhäusern, Godot und Sonnenschein! Eins nach dem anderen!
Nach unserer Abreise aus Wien im Morgengrauen brachten uns unsere Begleiter Marco und Bastian unter Einsatz ihrer letzten verbliebenen Kräfte in Richtung Schweiz und zwar mitten durch die Alpen und zum Rastplatz am Mondsee, einem Idyll von überwältigender Schönheit, zwischen endlosen grünen Wäldern und erhabenen Felsformationen. Das nächste Mal erwachten wir in München, verwirrt, ob dieses Schlaglicht Traum oder Wirklichkeit gewesen war, und noch verwirrter, warum um alles in der Welt man denn auf dem Weg von Österreich in die Schweiz in Deutschland vorbei kommen sollte? Es wurde jedoch schnell beschlossen, dass das alles seine Richtigkeit haben, im Grunde aber auch egal sein und vielmehr hinter der akut notwendigen Nahrungssuche zurückstehen sollte. Wir nutzten also die Gelegenheit, ein gemütliches Straßencafé mitten in München aufzusuchen und genossen in strahlendem Sonnenschein die wohltuende Wirkung von frischem Obst, Croissants, Kaffee und Zigaretten. Das Einzige was jetzt noch zur Vervollkommnung unseres Wohlbefindens fehlte, war eine heiße Dusche, um uns von den Spuren des Wiener Nachtlebens reinzuwaschen. Doch bis dahin sollte es noch ein weiter Weg sein. Zu den sechs bereits gefahrenen Stunden kamen nochmal soviele hinzu, allerdings stets versüßt vom Ausblick in die wunderbare Landschaft am Südende Deutschlands. Auch begegneten wir unterwegs der dunklen Seite des letzteren, nämlich an einer Schweizer Raststätte in Form – oder besser Unform – eines beleibten Landsmannes, dem ganz offensichtlich sein Maserati zu Kopf gestiegen war und welcher der einheimischen Verkäuferin aufs tölpelhafteste seine Überheblichkeit gegenüber den rückständigen Gepflogenheiten seines Gastlandes zum Ausdruck brachte.
Solches stand in eklatantem Widerspruch zu der Herzlichkeit, mit der unsere kleine Reisegruppe in Basel empfangen wurde. Zwar stimmten uns Lage wie Anlage des Clubs, in dem wir an diesem Sonntagabend konzertieren sollten, zunächst skeptisch. Er befand sich mitten in einem geruhsamen Neubau-Wohngebiet, das sich ansonsten vor popkulturellen Errungenschaften hinter einem Stacheldrahtzaun aus Gutbürgerlichkeit verschlossen zu haben schien. Das Culturium selbst erwies sich als gepflegtes Kellerlokal, das sein eigentliches Selbstverständnis als Jazz- und Rockclub anhand von überlebensgroßen Portraits von Louis Armstrong bis Elvis Presley zur Schau trug. Unsere Irritation angesichts dieser Vorbedingungen erwies sich jedoch als unbegründet, sobald sich die Pforten für die Gäste öffneten. Innerhalb kürzester Zeit war der Saal mit stilvoll gekleideten jungen Menschen gefüllt, die sowohl unseren geschätzten Mitmusikanten der Baseler Musikgruppe Aiph wie auch uns frenetisch feierten. Unglücklicherweise setzt sich in Basel die äußerliche Betulichkeit auch im Umgang mit der Musikszene fort: Konzerte müssen punkt elf Uhr beendet sein, alles darüber Hinausgehende wird minutiös bei der Polizei angezeigt. So waren unsere nach akustischer Erquickung dürstenden Gäste eine halbe Stunde nach Ende unseres Auftritts schon wieder verschwunden. Nichtsdestotrotz ein grandioser Abend! Basel, vielen Dank, wir kommen wieder!
Da allerdings absehbar war, dass dies nicht allzubald passieren würde, nutzten wir am nächsten Morgen die Gelegenheit für einen kurzen Spaziergang durch Basel, das schon seit dem Vorabend im Regen versank. Besonders viel Charme versprühte die Stadt, das muss man leider sagen, in diesem Zustand nicht. Stattdessen zog der botanische Garten unsere Aufmerksamkeit auf sich und was wir dort erleben durften, ließ uns mit offenen Mündern staunen. Gut, Kakteen sind einigermaßen langweilig. Und auch um sich für die ausufernde Königin-Viktoria-Seerose zu begeistern, mag man ein wenig naturwissenschaftliches Interesse mitbringen müssen. Aber, liebe Leser, steht er plötzlich in einem tropischen Palmenwald und wird umschwirrt vom lieblichen Gesang und Geflatter exotischer Vögel, deren strahlend blaues Gefieder in der Dunkelheit fluoresziert, stockt auch dem mondänen Noisepopper der Atem.
Nach diesem Erlebnis galt es zu entscheiden, wo wir die kommende Nacht verbringen sollten. Wir brachen zuerst auf und wählten dann im Vollzug der Reise die traditionsreiche Universitätsstadt Heidelberg als unser nächstes Ziel. Dieses bezaubernde Städtchen liegt zu Füßen einer Burgruine und ist umringt von endlos bewaldeten Bergen, die sich bei unserer Ankunft in märchenhaftem Dunst verbargen. Doch auch dieses Idyll sollte sich als Täuschung herausstellen, jedoch diesmal unter umgekehrten, nämlich negativen, Vorzeichen. Nichts, lieber Musikfreund, hätte uns auf den Wahnsinn vorbereiten können, der uns in weniger als fünf Stunden wieder aus dieser Stadt vertreiben sollte. Große Dichter und Philosophen hatten hier gewirkt, doch alles was uns bei unserer Flucht blieb, war das Gedenken an Friedrich Hölderlin, der hier die letzten Lebensjahre seines Verstandes verlustig auf einer Insel im Neckar verbrachte. Es hatte uns schon einiges an Zeit und Nerven gekostet, überhaupt eine Herberge zu finden, doch nun stellte es sich als völlig unmöglich heraus, unser Vehikel für die Nacht unterzubringen. Ja, ehrlich! In den verwinkelten Einbahnstraßen der Heidelberger Innenstadt gibt es zwar ungefähr 16 Parkhäuser, akkurat durchnummeriert und also ein jedes mit klingenden Namen wie P8, P9 oder P12 Am Kornmarkt. Nur haben die allerwenigsten davon eine Einfahrthöhe von mehr als 1,97 Meter. Nachdem wir uns eine geschlagene Stunde mit diesem absurden Phänomen rumgeschlagen hatten, gaben wir kurz entschlossen und längst entnervt die Hoffnung auf und luden uns zu Bekannten ins anderthalb Stunden entfernte Würzburg ein. Liebe Freunde, glauben Sie uns, man macht sich gar keine Vorstellung davon, welche Ausmaße die Freude über einen Schlafplatz auf einem harten Fußboden und einem fremden Sofa annehmen kann!
Und was waren wir auch froh, am nächsten Abend endlich wieder ein Konzert spielen zu dürfen! Die Aussichten in Braunschweig waren vielversprechend. Das B58 bot viel Raum für die Entfaltung der Jenana-Multimediashow. Man sorgte sich des Weiteren engagiert um unser Wohlbefinden und das Beisammensein mit den anderen beiden Bands des Abends sowie unseren Freunden von den großartigen Godot wuchs sich fast zu einer kleinen Party aus. Die Hochstimmung blieb leider ein wenig in der Tatsache stecken, dass nur etwa 20 Gäste erschienen.
Jedoch, verehrte Leser, bei Jenana geht stets auch die Vorfreude auf die nächsten Abenteuer mit ins Bett. Ein Vergnügen, diese mit Ihnen teilen zu dürfen!
Auf eine weiterhin erlebnisreiche gemeinsame Reise!
flx








»Komm, Sal, ziehen wir los und gehen wir immer weiter, bis wir da sind.«
»Wohin denn, Mann?«
»Weiß ich auch nicht. Aber wir müssen los.«