HAMBURG | BERLIN | PRAG | WIEN

Tourtagebuch, 25.05. – 27.05.

Verehrte Leser,
wie anstrengend das Reisen sein kann und wie wunderbar es doch in jedem Fall ist, das lässt sich gerade dann sehr gut in Erfahrung bringen, wenn man seine notwendigsten Sachen zusammenpackt und sich mit seinen besten Freunden aufmacht, in verschiedensten Städten Konzerte zu spielen.
Stunden über Stunden im monoton lärmenden Bus zwischen Büchern, CDs, Zeitungen, Bekleidung, Instrumenten und Wasserflaschen, zwischen 32°C in der Brandenburgischen Provinz und 8°C bei strömendem Regen im Breisgau, werden innerhalb von Sekunden vergessen gemacht, wenn man nachts in seliger Erschöpfung die erleuchteten Theater an den Ufern Prags betrachtet, während aus dem Autoradio längst vergessene Zeilen summen, oder man angesichts verschwenderischer Schönheit, zwischen den Jugendstil-Fassaden der Wiener Vorstädte stehend, beginnt, die Sinnlichkeit starrer Gemäuer zu begreifen.

Am Morgen des 25.05. führt der Weg der einen Hälfte von Jenana zunächst von Hamburg nach Berlin, um dort nicht nur die ergänzende Hälfte der Band in den Bus steigen zu lassen, sondern auch unsere beiden Begleiter, Marco und Bastian, die während der Reise helfen werden, uns durch die Untiefen von Merchandiseverkauf, Schweizer Franken, Bühnenbild, geographischer Unzulänglichkeiten, Soundcheck und Hotelsuche zu navigieren.
Nach der Abfahrt aus Friedrichshain am späten Nachmittag und einigen ersten freundlichen Menschen in der abenddämmerigen tschechischen Provinz, erreichen wir schließlich um Mitternacht unser angestrebtes Ziel Prag, das durch seine alte, erhaltene und erhabene Architektur wie ein Märchenland wirkt, das soeben von den globalen Finanzfreibeutern kolonialisiert wurde. Jeder freie Meter außerhalb des dicht bebauten historischen Stadtkerns scheint mit blinkenden, kreischenden und verheißungsvollen Versprechen bepflastert. Zwischen rasenden Taxis und den allgegenwärtigen Hinweisen auf die nächstliegenden Filialen von McDonalds, Erotikshop und Mediamarkt bringen wenigstens die offenbar zahlreich umherschlendernden Touristen so etwas wie eine gemächliche Ruhe ins Stadtbild.
Nach 13 Stunden auf Landstraßen, Autobahnen und in verkehrsberuhigten Zonen ist die Aussicht auf Dusche und Bett der Idee nächtlichen Flanierens aber so sehr überlegen, dass uns tiefergehende Einblicke in das Leben der Stadt für dieses Mal verwehrt bleiben.

Um 10 befinden wir uns bereits auf der Autobahn Richtung Österreich. Das drohende Gewitter, dass uns während der ganzen Fahrt begleitet, schafft es nicht, sich gegen das sich wacker entgegendrängende Sommerwetter durchzusetzen und verschwindet kurz vor der Wiener Stadtgrenze erschöpft und gekränkt in der Stratosphäre.
Das „Bach“, in dem wir an diesem Abend spielen, befindet sich im unvorteilhaft gelegenen Wiener Außenbezirk Ottakring, ein paar Hundert Meter hinter den Grenzen der kulturell relevanten Teile der Stadt. Es bleiben uns zwei Stunden, die nähere Umgebung zu erkunden. Aneinander gereihte Pizzaimbisse, Textiliendiscounts, Telefonshops, Internetcafés und Händler, die hinter grob vergitterten Schaufenstern billige Golduhren-Imitate verscherbeln, schaffen es auch im wunderschönen Wien, ganze Straßenzüge zu freudlosen Handelszonen herabzuwürdigen.
Dafür sind die Leute von „All Most Famous“ umso netter. Nachdem wir aufgebaut haben und der Soundcheck abgeschlossen ist, warten wir gemeinsam auf Gäste, die an diesem Abend aber recht spärlich erscheinen. Die spät heraufziehende Dunkelheit, die Geographie, der mit Unterhaltungsangeboten überladene Samstagabend und vor allem die Hitze scheinen heute Hand in Hand zu wirken.
So steigen wir um 23 Uhr auf die Bühne und spielen vor knapp 40 Leuten, denen der Schweiß im Gesicht steht, obwohl sie sich – ausgenommen ist hier das wild herum gestikulierende Testosteronopfer in Reihe eins – kaum bewegen.
Wir kürzen unser Set, sind mit uns zufrieden und finden auf der anschließenden Party noch eine Menge freundlicher Menschen, so dass wir, entgegen unseres Plans, uns direkt nach dem Konzert auf den Weg zu machen, erst um 4 Uhr unseren Bus einpacken, und im Morgengrauen die Autobahn Richtung Schweiz entern…
chr


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